Wenn eine Organisation die Regeln ändert, lernen Mitarbeiter:innen kaum schneller um, nur weil sie die neue Regel nachlesen können. Sie lernen, indem sie anderen dabei zusehen, wie diese die neue Regel leben. Wandel entscheidet sich deshalb nicht im Handbuch und nicht in der Ansprache, sondern in den Ritualen, in denen ein Team einander täglich begegnet. Das wichtigste davon ist oft das unscheinbarste: die erste Frage im ersten Meeting des Tages.
Werden dort die Ergebnisse gesehen und belohnt – oder die neuen Verhaltensweisen? Das klingt ganz ähnlich, sendet aber zwei völlig unterschiedliche Signale: „Wir sehen dich und dein Verhalten.“ Oder: „Wir sehen das Ergebnis deines Verhaltens.“
Zwei Botschaften an einem Morgen
Strategisch war der Schritt nachvollziehbar, kulturell war er hochriskant. Die Organisation sendete widersprüchliche Signale. Einerseits hieß es, Lernen, Ausprobieren und Kundenorientierung seien künftig zentral. Andererseits blieb der Blick der Führung auf Ergebnissen: Verkaufszahlen, Abschlüsse, Zielerreichung.
Für Tausende Mitarbeitende, die keinerlei Verkaufserfahrung hatten und sich mit den neuen Produkten unsicher fühlten, entstand daraus eine klare, unausgesprochene Botschaft: Ihr sollt etwas Neues tun – aber bitte fehlerfrei. Die Folge war Zurückhaltung und Frustration. Niemand widersprach der Strategie. Es probierte nur kaum jemand etwas aus.
In unserem Buch beschreiben Andrea Fehr und ich diesen Mechanismus als Signalwiderspruch: Wo das Gesagte und das Belohnte auseinanderfallen, richten sich Menschen nach dem Belohnten. Und belohnt wird, wonach zuerst gefragt wird.
Ein Ritual, drei Fragen
Unsere Empfehlung stieß im Management zunächst auf Skepsis. Wir schlugen kein neues Programm vor, sondern die Änderung eines bestehenden Führungsrituals: des täglichen Morgenmeetings in den Niederlassungen. Statt der Verkaufsabschlüsse des Vortags stellten die Niederlassungsleitungen drei andere Fragen.
Welche Erfahrungen haben Sie im Verkauf gemacht?
Die Frage setzt voraus, dass es Erfahrungen gibt und dass sie etwas wert sind – auch ohne Abschluss.
Was hat sich ungewohnt oder schwierig angefühlt?
Sie macht Unsicherheit zu einem Thema der Runde. Wer sie ausspricht, liefert einen Beitrag und kein Geständnis.
Wo gab es Ablehnung, Unsicherheit oder erste kleine Erfolge?
Sie stellt das Nein der Kundin neben den ersten Erfolg. Beides gehört zum Lernen, beides wird gehört.
Damit war ein neues Signal gesetzt: Nicht der Abschluss steht im Zentrum, sondern der Lernprozess. Probieren, Scheitern, Reflektieren und Verbessern wurden als erwünschtes Verhalten sichtbar – nicht als Risiko der Einzelnen, sondern als gemeinsame Aufgabe.
Was sich dadurch verschob
Das Ritual veränderte, wie sich die Arbeit anfühlte. Angst wurde durch geteilte Erfahrung ersetzt, Scham durch Normalisierung, Widerstand durch Lernbereitschaft. Die Mitarbeitenden erlebten, dass ihre Unsicherheit ernst genommen und nicht sanktioniert wurde. Die Richtung blieb dabei klar: Verkaufskompetenz sollte entstehen – über Entwicklung, nicht über Druck.
Bemerkenswert ist, was nicht geändert wurde. Es gab keine neue Zielvorgabe, kein neues Training und keine neue Kampagne. Geändert wurde eine Frage, an einem Ort, an dem ohnehin alle zusammenkamen.
Warum Zuschauen mehr bewirkt als Erklären
Dass das funktioniert, ist kein Zufall. Forscher:innen des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn haben untersucht, wie schnell Menschen sich nach einer Regeländerung umstellen. 288 Studierende steuerten am Bildschirm hundertmal einen Ball durch ein Labyrinth. Eine Regel gab vor, welcher von zwei Wegen zu nehmen sei, und ihr zu folgen lohnte sich. Nach fünfzig Runden änderte sich die Regel – ohne Ankündigung.
Gelernt wurde unter drei Bedingungen. Die erste Gruppe sah nur ihr eigenes Ergebnis. Die zweite sah zusätzlich, welchen Weg andere genommen hatten. Die dritte konnte gegen eine kleine Gebühr nachschlagen, was die Regel gerade verlangt.
Die Regel änderte sich nach Runde 50. Bis die Hälfte einer Gruppe umgestellt hatte, dauerte es unterschiedlich lang.
Wer anderen zusehen konnte, stellte sich deutlich schneller um; dieser Unterschied ist statistisch gesichert. Beim Nachschlagen zeigte sich nur eine Tendenz, die es nicht ist. Und in der Gruppe, die allein auf ihr eigenes Ergebnis angewiesen war, hatten nach fünfzig weiteren Runden rund 30 Prozent noch immer nicht umgestellt.
Ein zweiter Befund passt ebenfalls zum Fall: Die Umstellung ging schneller, wenn die neue Regel den Teilnehmenden selbst nützte und nicht nur anderen.
Genau das leistet ein Morgenmeeting, in dem Erfahrungen erzählt werden: Jeden Tag hören alle, wie die anderen es versuchen. Die Einschränkungen gehören dazu. Es war ein Laborexperiment mit Studierenden und einer abstrakten Aufgabe, das Nachschlagen kostete etwas und die Auskunft stimmte nur in 85 Prozent der Fälle. Ob sich der Befund auf Abläufe in Organisationen übertragen lässt, halten die Autor:innen selbst für eine offene Frage. Er passt aber zu dem, was wir in der Niederlassung gesehen haben.
Rituale haben diese Kraft, weil sie sich wiederholen. Sie machen sichtbar, was eine Organisation verbindet – nicht durch Worte, sondern durch Wiederholung. Wer ein Ritual verändert, verändert deshalb mehr als einen Termin.
Vom Buch in den Führungsalltag
Bei der Umsetzung begleiten beide Autoren mit ihren Beratungen. Alexis Johann mit PEAK LANE STUDIO: mit dem Signalaudit als Tagesformat für Führungsteams von 8 bis 25 Personen und mit der Begleitung über mehrere Wochen, samt Messung der Zusammenarbeit vorher und nachher. Andrea Fehr mit FehrAdvice & Partners, der verhaltensökonomischen Beratung in Zürich.
Aus dem Buch
Der Fall des Morgenmeetings stammt aus „Führung wirkt zwischen den Worten“ von Alexis Johann und Andrea Fehr (Carl-Auer, 2026), Kapitel über Signalrituale.
Buch bestellenMehr zum BuchQuellen
- Johann, A. & Fehr, A.: Führung wirkt zwischen den Worten. Unsichtbare Signale bewusst gestalten und Verhalten wirksam verändern. Carl-Auer, 2026.
- Engel, C., Holzhausen, T. & Mischkowski, D.: Trapped in the past? Routinized rule compliance and the speed of adaptation after rule change. Judgment and Decision Making, 2026.
- Schein, E. H. & Schein, P.: Organizational Culture and Leadership. 5. Auflage, Wiley, 2017.